Ich habe am Montag erfolgreich alle meine Bekannten in Roskilde abgegrast, was erstaunlich ist, weil ich Sonntagabend erstmals angefangen hab, meine Opfer von meinen Besuchsplänen zu informieren und zwei Drittel davon Familien mit Kindern waren. Ich hab mich also zuerst bei Christina zum Mittagessen eingeladen und bin dann mit ihr und ihren zwei Söhnen ein bißchen spazieren gegangen, hab mich vom Älteren wiederholt mit seinem Holzschwert erschlagen lassen und für ihn winzige Fische und kleine Quallen aus dem Roskildefjord gefangen. Danach hat mich Christina zu ihrer älteren Schwester Rebekka geführt, wo ich ein Abendessen und Aftenkaffee bekommen hab. Rebekka hab ich das letzte Mal gesehen, als ich 2001 mit meinen Eltern und Vroni auf einer Dänemarkrundreise war. Inzwischen hat sie Bo geheiratet, den ich bis jetzt nur von Fotos kannte, und vier Söhne bekommen.
Die Söhne (2, 5, 7, 9) musste ich zuerst davon überzeugen, dass es viel lustigere Dinge gibt, als mich mit Sand zu bewerfen (obwohl ich einsehe, dass das kaum zu toppen ist). Aber ich hab sie dann von meinen Fähigkeiten als Kletterbaum überzeugt und mir damit ganz viele Pluspunkte verdient. Bo war nicht ganz so begeistert davon, dass wir zum Klettern den Küchentisch zu Hilfe genommen haben, aber das ist ja das Tolle am Tantenstatus, dass du es mit der Disziplin nicht so genau nehmen musst. Und ich tu mir da auch ein bißchen schwer, weil ich vieles, das Eltern ihren Kindern abzugewöhnen versuchen, einfach nur lustig finde. Zum Beispiel, wenn der Kleinste, Rainer, herumläuft und begeistert 'Prutfisse, prutfisse!' schreit, was soviel bedeutet wie 'Puhpimmel'.
Übernachtet hab ich dann aber im Studentenheim von Eileen, die ich noch aus dem Sprachkurs im Jänner kenn, dort war es nämlich weniger lebhaft und chaotisch. Wir haben am Abend mit ihren deutschen und finnischen Erasmusfreunden gemütlich getrunken und am nächsten Tag gemütlich gefrühstückt und dann bin ich weiter gefahren nach Kopenhagen.
Dort bin ich zuerst ein bißchen durch den Tivoli gestreift, bis mich Joachim (wir erinnern uns, der Mohr) abgeholt hat und wir uns, bewaffnet mit Hotdog, Schokoschnecke und Bier in einen Park in der Nähe von Nørreport geworfen haben. Ich wurde dann auf den neuesten Stand gebracht, über sein Leben in der Hauptstadt, er wohnt ja sehr interessant, in einer WG mit einem schwulen Profitänzerpaar. Demnächst zieht auch noch ein Informatikstudent ein, von dem Joachim hofft, dass er ein weniger aufregendes Sexleben hat als die zwei Traumtänzer.
Auch in Kopenhagen hab ich übernachtet, allerdings nicht in der spannenden Männer-WG sondern bei Marlis, der jüngeren Schwester von Rebekka und Christina, die mich auch zum Abendessen eingeladen hatte. Im Gegensatz zu den beiden Älteren bin ich bei Marlis Leben recht gut auf dem Laufenden, weil ich sie noch verhältnismäßig oft treffe (2001, 2009, 2011...). Dadurch bekomme ich Veränderungen in ihrem Liebesleben auch quasi in Echtzeit mit. Ihren Freund Jens hat sie nämlich erst seit März und den haben ihre Schwestern auch erst letzte Woche kennen gelernt. Wie auch Bo versteht Jens zwar Deutsch, ist aber längst nicht so gut wie Marlis, Christina und Rebekka, die ja fließend Deutsch können. Weil mir Englisch irgendwie falsch vorkam, und Rebekkas Jungs ja auch nicht viel davon verstehen, hab ich mich also mit Bo und Jens auf Dänisch unterhalten. Das hat ganz gut funktioniert, wohl auch vorallem deshalb, weil ich selber glücklicherweise nicht merke wieviele Fehler ich mache und wie seltsam ich mich anhören muss...
Die Nacht auf heute war jedenfalls recht kurz, weil Marlis und Jens ja arbeiten mussten. Also stand ich dann um 8.30 in der Früh am Strøget und hab kurz überlegt, ob ich warten soll, bis um 10 Illums Bolighus aufmacht, mich aber dann dagegen entschieden. Illum ist ein Einrichtungshaus, das vorallem unbillige Designerdinge führt, aber da meine Mutter bei mir ein modernes Kachelofenbesteck aus Dänemark bestellt hat, schien mir das irgendwie die richtige Adresse zu sein. Da ich aber nicht so lange warten wollte, hab ich den Einkauf auf Odense verschoben und bin in den Zug Richtung Westen gestiegen.
Lisa muss ja leider immer noch lernen, deswegen konnte ich sie nicht an die Westküste entführen. Sonnenbrand hätte ich heute eh auch keinen geschafft, obwohl das Wetter ganz annehmbar war. Weil ich auch nicht allein an die Westküste wollte, und mir nicht nach Autofahren war, bin ich im Endeffekt an Odense vorbei und direkt nach Aarhus gefahren, wo mich ein müder aber frisch rasierter Henrik (mit noch blutender Oberlippe) empfangen hat. Er hatte Nachtdienst im Altersheim und war wegen Schlafmangel nicht ganz auf der Höhe, aber wir sind ein bißchen durch die Stadt spaziert, und haben in Buchhandlungen gestöbert. Zwei davon waren ganz großartige Second-Hand-Läden, in denen sich die Bücher brusthoch (ich lüge nicht!) gestapelt und nur 2-3 schmale Gänge durch die Stapel geführt haben. Und siehe da, im zweiten hab ich Hemingways Islands in the Stream 'gefunden', das ich mal in der Studentenbuchhandlung in Odense zu lesen begonnen hab. Da wir beide ziemlich müde waren, haben wir dann bei Henrik zuhause einen kurzen Nachmittagsschlaf eingelegt, und danach wurde ich mit Palatschinken gefüttert. Großartig.
Seit 21.01 bin ich wieder zurück in Odense, ich hab noch kurz mit Lisa, Blanka (die Geburtstag hatte) und Eileen (die heute auf Odense-Ausflug ist) ein Bier getrunken, zuhause die Tomaten gegossen und werde mich jetzt zur Ruhe betten, weil ich nämlich morgen (nach dem Schlafen) packe und frisch sein muss.
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