Ich hab meine Küchenmitbewohner ja
schon ein paarmal erwähnt, aber jetzt haben sie sich wirklich mal
einen eigenen Eintrag verdient. Ich stelle hier also ein bißchen die
Ménagerie vor.
Marius, Lauren und Josh, die anderen
Austauschstudierenden gehen hier als Menschen oder zumindest
Menschenaffen durch. Sie benehmen sich und kommunizieren normal. Alle
anderen sind mehr so Tiere des Waldes.
Heini (Finnland) – ein scheues Reh,
das man nur selten zu Gesicht bekommt. Mittlerweile spricht sie schon
kurze Sätze mit mir bevor sie wieder davonhuscht, aber es ist schwer
sie zu erwischen, weil sie sehr vorsichtig ist und immer einen
Fluchtweg parat hat. Spuren hinterlässt sie kaum in der Küche, aber
man erkennt, dass sie in der Küche war, wenn es nach roter Grütze
riecht.
Die Schweden...
Zine – Zine markiert ihr Gebiet in
der Küche mit unabgewaschenen Töpfen mit Nudelresten drin. Sie ist
fest davon überzeugt, dass es in Schweden Kannibalen gibt, hat
manchmal Anfälle von Paranoia und unterhält uns im Übrigen gerne
mit irren Geschichten aus ihrem Leben die sie sich vermutlich spontan
ausdenkt. Josh, den sie besonders gern hat, überlegt schon, eine
Strickleiter zu kaufen, damit er zu Not aus dem Fenster flüchten
kann wenn sie in wieder mal in Grund und Boden quatscht.
Inan – ist eigentlich ganz lieb, aber
leider oft ein bißchen beschränkt. Sie denkt Österreich ist ein
Teil von Deutschland. Aber sie studiert Pharmazie, deshalb nennen wir
sie “Pharmacy girl” und ich hoffe sie ist darin besser als in
Geographie und anderen Fragen der Allgemeinbildung. Zum Beispiel hält
sie es für eine gute Idee, Brokkolicremesuppe die ihr misslungen
ist, im Waschbecken zu entsorgen und flieht panisch, wenn sie ihren
Fehler erkennt. Ich hab ihr gesagt das nächste Mal darf sie mich
gerne zu Hilfe rufen... Dann haben wir wenigstens nicht zwei Tage
lang zwei verstopfte Waschbecken.
Zainab – “Pharmacy girl's friend”,
schon an ihrem Spitznamen erkennt man, wie gut wir sie kennen. Sie
spricht nicht gern Englisch, dementsprechend ungern kommuniziert sie
mit mir. Aber ich glaube sie macht keinen Dreck. Null Persönlichkeit
aus meiner Sicht ;)
Mesi – meine Nachbarin. Sie versucht,
mit mehr oder weniger Erfolg, andere durch klagende Rufe und große
flehende Augen dazu zu bringen ihre Probleme zu lösen. Man möchte
ihr den Hals umdrehen. Stattdessen mache ich sie freundlich darauf
aufmerksam, dass nicht nur alle anderen (und ganz besonders die bösen
Fremdlinge) ihre Küchenpflichten vernachlässigen, sondern der Müll,
der sich vor der Küche schon stapelt, diese Woche ihr Kakao ist.
Ihre Vorstellung von Zusammenwohnen ist, das jeder einen Kühlschrank,
eine Mikrowelle (sic!) und vermutlich auch eine Waschmaschine im
Zimmer hat und seinen/ ihren Biomüll am Besten auch nach dem Kochen
wieder mit ins Zimmer nehmen sollte. Eine typisch schwedische
Eigenschaft wie ich mittlerweile vermute.
Emil – der Brokkoli-Fanat. Viel mehr
weiß ich nicht über ihn. Wenn ein Topf mit braunem Reis am Herd
steht (randvoll mit Wasser, kein Deckel), kocht Emil. Er ist
riesengroß, also muss er in seiner Kindheit gut ernährt worden
sein, aber sehr blass, woraus ich schließe dass eine ausschließliche
Brokkoli-Huhn-Reis-Haferschleim-Diät vielleicht nicht komplett zu
empfehlen ist. Er studiert Chemie und hat beschlossen, dass von uns
allen nur Josh vertrauenswürdig ist. Wahrscheinlich weil der auch
groß dünn und blond ist und nicht kochen kann. Küchenmitteilungen
liest er nur wenn sie hübsch sind, wie ich heute herausgefunden
habe. Ein Schwede...
Jessica – Jessica hat Anfang des
letzten Semesters wirklich redlich aber nicht sehr konseuent
versucht, Ordnung in die Küche zu bringen. Ich glaub ich hab ihr da
die Autorität entzogen, und irgendwie nimmt sie mir das glaub ich
übel. Die Küchenmitteilungen müssen auch für sie sauber und
hübsch sein, sonst kann sie sie nicht ernst nehmen. Allerdings
versorgt sie uns mit Rubikwürfeln und ähnlichem
Denk-Geschicklichkeits-Zeug und fördert so unsere Feinmotorik und
Konzentration. Der Stapel Frauenzeitschriften in der Küche ist glaub
ich auch von ihr. Was sie isst, weiß ich nicht. Gar nichts
wahrscheinlich, so dünn und bleich wie sie ist.
Jens – Jens ist gar nicht da. Das
letzte Semester haben wir eifrig Jens-Spotting betrieben (inklusive
Beobachtung seines Kühlschrankfaches) - mit mäßigem Erfolg,
niemand hat jemals sein Gesicht gesehen. Nur eine schemenhafte
Gestalt die ab und zu vorbeigehuscht ist.
Ruth und Clement – unsere Neuzugänge.
Zwei Isländer, die sich seit Anfang Jänner Jens' Zimmer teilen, das
er jetzt endlich untervermietet hat, nachdem er offensichtlich bei
seiner Freundin wohnt. Die zwei sind noch nicht ganz stubenrein was
das Abwaschen und Mülltrennen betrifft, aber sie backen zu
nächtlicher Stunde Kuchen, und wenn man dann vom Fortgehen
heimkommt, darf man mitessen. Ruth ist sehr gesprächig und
freundlich, Clement ist freundlich aber spricht nicht so gern,
weshalb sie vermutlich gut zusammenpassen. Außerdem habe sie einen
faszinierenden isländischen Wikingerfreund, der lange blonde Haare,
ein typisches Isländergesicht (diese Nase!) und einen blonden
Vollbart hat. Das Klischee lebt!
Ja und ich. Ich komme mir hier manchmal
vor wie die Hausmeisterin in “Meine Mutter schwindelt besser”,
die den Haubewohnern auflauert und versucht herauszufinden wer für
welchen Teil des Chaos' verantwortlich ist. Dann frag ich einfach
alle die mir unterkommen, ob das ihre Brokkolisuppe war, und höre
mir an wen sie verdächtigen, bis ich die Richtige gefunden hab. Es
waren nämlich meistens nicht die Austauschstudenten. Und auch nicht
immer Zine. Manchmal putze ich einfach. Manchmal klopfe ich bei
Leuten an und weise sie darauf hin, dass sie da noch was zu tun
hätten. Manchmal ess ich lieber in meinem Zimmer. Und meistens fühl
ich mich wie ein Flohzirkusdompteur.
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