lördag 27 april 2013

Der Frosch im Abflussrohr*

Da sitze ich und soll für meine Diplomarbeit eine aufschlussreiche Konklusio schreiben. Möglichst eine, die erklärt, warum ich überhaupt meine Zeit damit verschwendet habe, ein geisteswissenschaftliches Studium zu studieren und eine Diplomarbeit über "Umweltprobleme in der zeitgenössischen kanadischen narrativen Literatur" zu schreiben statt was Gescheites zu arbeiten. Ich würde gern schreiben, dass ich keine Lust habe, mich dafür zu rechtfertigen.

Ich lebe in einer Gesellschaft von Leuten, die damit beschäftigt sind, Geld zu verdienen, damit sie sich Dinge kaufen können, die sie a) zum Leben brauchen und die sie b) glücklich machen. Im Zuge dieses Überlebens und Strebens nach Glück, dem neuesten iPhone, der besten Outdoorjacke, dem wohlschmeckendsten Käse, ruinieren wir unsere Umwelt, ärgern unsere Mitmenschen und sind ab und zu dazwischen auch einmal ganz zufrieden. Vor allem wenn wir frei haben und/oder auf Urlaub fahren dürfen. Endlich. Um dieses Geld (für den Urlaub und die Jacke) aber zu verdienen, sollte man möglichst etwas Nützliches studieren (O-Ton mein Vater). Nur vom schöne Sätze schreiben können ja die Wenigsten leben. Nützlich sind bekanntermaßen naturwissenschaftliche und wirtschaftswissenschaftliche Studien - geisteswissenschaftliche sind für Mädchen, die nicht so gut in Mathe sind und trotzdem ein bissl studieren wollen. Interessanterweise gründet sich unsere westliche Kultur zu einem großen Teil auf die geistige Denkleistung griechischer Philisophen (Philosophie - was für ein brotlose Kunst!) - aber das hier nur am Rande...

Aus einem utilitaristischen Blickwinkel werden Geisteswissenschaften gemeinhin als unbrauchbar betrachtet. Man kann sie nicht essen, man kann sie nicht anziehen, niemanden damit erschießen und vor allem verkaufen sie sich weniger gut als 'echte' Konsumgüter und Dienstleistungen. '(Ver)kaufbarkeit' ist wichtig, denn wir dürfen ja den Urlaub und die Outdoorjacke nicht vergessen. Wie käme man denn sonst raus in die Natur. Und woher hätten wir sonst das Geld das wir dem WWF geben damit unsere Teakholzmöbel nicht den Regenwald zerstören. Äh, oder so... Mir ist bewusst, dass die meisten von euch sicher keine Teakholzmöbel haben. Also gut, anderes Beispiel: das Geld das die Arktis schützen soll vor der globalen Erwärmung die von den Konzernen verursacht wird die wir mit unserem Geld... Also halt.

Ich sehe, ich werde emotional, aber vermutlich wird klar worauf ich hinaus will. Ich bin also der Gesellschaft jetzt einige Jahre auf der Tasche gelegen, habe meine Freizeit damit verbracht ehrenamtliche Arbeit zu leisten (ein deutliches Zeichen dass eine/r zuwenig Nützliches zu tun hat) und habe dabei auch noch Spaß gehabt. Ich behaupte nicht, dass mein ökologischer Fußabdruck dem eines vietnamesischen Reisbauern entspricht. Ganz sicher nicht. Ich behaupte auch nicht, dass ich nicht meinen Freund, meine Eltern, meine Freunde und Freundinnen mit meiner Diplomarbeit und dem daraus resultierenden Arbeitsaufwand nicht auf die Nerven gegangen bin. Aber, mehr noch als shoppen, Auto fahren, fortgehen, auf Urlaub fahren, essen und Sport betreiben hat mich Neues zu lernen glücklich gemacht.

Zum Thema Utilitarismus hat Wikipedia übrigens Folgendes zu sagen: “Grundlage für die ethische Bewertung einer Handlung ist das Nützlichkeitsprinzip, die utilitaristische Grundformel und Maxime: 'Diejenige Handlung bzw. Handlungsregel (Norm) ist im sittlichen bzw. moralischen Sinne gut bzw. richtig, deren Folgen für das Wohlergehen aller von der Handlung Betroffenen optimal sind.'” Im Gegensatz zur landläufigen Meinung ist mein Studium, so scheint es, höchst utilitaristisch. Freuen wir uns also, dass ich der Gesellschaft gedient habe und eine inspirierende, allgemeinbildende Studienrichtung gewählt und mir Wissen angeeignet habe, das es mir (mehr als zum Beispiel ein Studium der Rechtswissenschaften oder Chemie) ermöglicht, menschliches Handeln kritisch zu hinterfragen und dann auch noch freundlich zu meinen Mitmenschen zu sein.

Ich habe nichts gegen Rechtswissenschaft und Chemie. Ich bin nur froh dass sich darum Andere kümmern. Genauso wie die Natur- und anderen Wissenschafter, und eigentlich alle anderen Menschen auf diesem Planeten, bin ich außerdem völlig überflüssig. In Wirklichkeit braucht uns die Wirklichkeit nicht. Damit kann ich leben.

Das Leben hat keinen Sinn. Warum muss die Kunst einen haben?

* Um den Zusammenhang zwischen Überschrift und Inhalt zu verstehen, empfiehlt es sich, Margaret Atwood's Roman Oryx and Crake zu lesen. Oder meine Diplomarbeit. Aber besser Ersteres.

1 kommentar:

Blauaugenlangnase sa...

Du bist also Utilitarist mit Neigung zum Altruismus, der dann aber dem Egoismus zum Opfer fällt?
Naja, da gibts schlimmere Schicksale..
Mach ein Buch und/oder einen Film daraus- und nach der ersten Million mögen Dich auch die Zweifler.

Das Leben hat einen Sinn, bloß wenn man Pech hat, erschließt sich dieser Dir nicht zu Lebzeiten.

Fertig mit Diplomarbeit, oda was?
Darf ich eine Kopie und die Filmrechte haben?
Danke im Voraus
Peter

Ich fahr morgen zu kambodschanischen Pfefferbauern und werde diese verschollen geglaubte Kostbarkeit, den Kampot Pfeffer,für die Welt retten und den Bauern neue Wege der Vermarktung erschließen.

Das zu meinem biologischen Fußabdruck.
Bussi
Peter

Gut, daß Du den Blog wieder angehst.
Endlich wieder einmal jemand, der so viele Fremdworte verwendet, daß ich nachschlagen muß.

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